Foto: Promo

WARUM DIE DIASPORA IHRE ZÄHNE IM URLAUB MACHEN LÄSST

In fast jeder Familie gibt es diesen einen Onkel. Er fährt im Juli an die Adria, kommt im August zurück, lächelt beim Kaffee etwas breiter als sonst, und irgendwann sagt jemand am Tisch: „Ti si bio kod zubara, ha?” War er. Natürlich war er. Doch woher kommt diese Gewohnheit eigentlich, und ist sie wirklich so neu, wie wir alle glauben?

 

 

Opatija hat das schon 1889 erfunden

Die Vorstellung, dass man für seine Gesundheit verreist, ist ungefähr so modern wie der Fiaker. Im 19. Jahrhundert schickten Wiener Ärzte ihre wohlhabenden Patienten reihenweise ans Meer, und Opatija wurde 1889 offiziell zum Kurort erklärt, dem ersten an der österreichischen Riviera. Die Südbahngesellschaft baute Hotels, die Patienten kamen mit dem Zug, und die Diagnose lautete häufig „schlechte Luft in der Stadt”. Wer Leberprobleme hatte, fuhr nach Karlsbad und trank dort wochenlang Wasser aus einem Porzellanschnabel.

Die neue Landkarte

Wer sich die heutigen Routen ansieht, erkennt schnell ein Muster. Für Zähne geht es nach Kroatien und Ungarn. Im ungarischen Sopron, direkt an der österreichischen Grenze, gibt es mehr Zahnarztpraxen als in mancher deutschen Großstadt. Für Augen fahren gerne nach Tschechien. Und wer Haartransplantation Türkei sucht, landet in Kliniken, die Patienten aus dem Flughafentransfer entgegennehmen.

Die Empfehlung schlägt die Bewertung

Man wählt eine Klinik, weil der Schwager dort war. Weil die Nachbarin aus dem dritten Stock danach drei Monate lang von nichts anderem geredet hat. Weil der Arzt der Sohn von jemandem ist, den der Vater noch aus der Schule kennt. Diese Kette aus Cousins, Arbeitskollegen und Kirchenbekanntschaften ist ein Bewertungssystem, das älter ist als Google und in unseren Familien deutlich mehr Gewicht hat. Der Vorteil: Niemand wird dafür bezahlt. Der Nachteil: Eine einzige gute Erfahrung aus dem Jahr 2014 gilt bis heute als Beweis, auch wenn die halbe Praxis inzwischen ausgetauscht wurde.

Schmerz hat eine Muttersprache

Wer in Deutschland aufgewachsen ist, füllt Formulare auf Deutsch aus, streitet auf Deutsch und rechnet auf Deutsch. Schmerz aber beschreibt man anders. „Es zieht” ist nicht ganz dasselbe wie „probada”. Besonders die erste Generation kennt das Gefühl, im Behandlungsstuhl zu liegen und nach einem Wort zu suchen, das man eigentlich seit vierzig Jahren beherrscht.

Deshalb fahren manche auch dann noch, wenn der Preisunterschied längst kleiner geworden ist. Nicht wegen des Geldes, sondern weil man dort erklären kann, wo genau es weh tut, ohne dass es umständlich wird.

Und der Onkel?

Der Onkel hatte im Grunde recht. Er hat nur, wie das bei Onkeln üblich ist, die Hälfte der Geschichte weggelassen: dass er zweimal fahren musste, dass die zweite Reise im November stattfand, als in Makarska niemand mehr Eis verkauft, und dass er beim Zoll erklären durfte, warum er ein Röntgenbild seines eigenen Kiefers im Handschuhfach hat.

Die Gesundheitsreise ist bei uns eine Familientradition mit besserer Technik, entstanden aus einer sehr alten Gewohnheit: Man erledigt Dinge dort, wo man ohnehin jemanden kennt. Fehlt eigentlich nur noch, dass man am Kaffeetisch auch über den Rest ehrlich wird.

Fenix-magazin/MMD/PROMO

Povezano

TELEFONISCHES INTERVIEW: Laien und Geistliche erheben sich gegen synodale Bischöfe
Schallbrücken: Wo entstehen sie und wie lassen sie sich dauerhaft vermeiden?
Foto: Promo
SERVICE BEGINNT VOR DER ANFAHRT: Warum mobile Betriebe klare Prozesse brauchen
MÜNCHEN IM ZEICHEN DER AUFARBEITUNG: Internationales Symposium zum jugoslawischen Staatsterror
Gardinenschiene mit Blende für ein ruhiges Gesamtbild
WAS IST KANNA?: Die Wahrheit über die Stimmungspflanze